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NEXTtoME

von Mt Mszros / Unusual Symptoms

Donnerstag, 27.04.2017, 20:00 h
,

zum letzten Mal

Marie-Laure Fiaux
Gabrio Gabrielli
Nra Horvth
Jenna Jalonen
Nora Ronge
Sebastian Reuschel
Choreografie und Bhne Mt Mszros
Kostme Alexandra Morales
Musik Sebastian Reuschel
Licht Christopher Moos
Dramaturgie Gregor Runge
Choreografische Mitarbeit Nra Horvth

Mit NEXTtoME stellt sich der junge ungarische Choreograf Mt Mszros erstmals am Theater Bremen vor und setzt sich darin mit den Mechanismen und Dynamiken zwischenmenschlicher Beziehungen und dem Prinzip der Begegnung auseinander. In Bezug auf die Form des Duetts interessieren sich Mszros und sein Ensemble fr die Frage, auf welche Art (und in welcher Form) sich das Erlebte dem Krper mitunter dauerhaft einschreibt und wie sich Menschen zueinander ins Verhltnis setzen. Zwischen skulpturalen Bewegungsstudien und intimen Verhandlungen von krperlicher Nhe zeichnet NEXTtoME Bilder, die sich der Vereinzelung ihrer Figuren widersetzen und eine sich stndig verndernde Gemeinschaft konstituieren. Indem er den Menschen schonungslos in Abhngigkeit seiner hinter ihm liegenden Erfahrung beschreibt, konfrontiert Mszros ihn mit der Brchigkeit seiner vermeintlichen individuellen Souvernitt und liefert eine eindringliche Beschreibung des menschlichen Grundbedrfnisses nach Nhe, Berhrung und sozialer Gemeinschaft.

Mt Mszros tanzte jahrelang in weltberhmten Kompanien wie Carte Blanche und Ultima Vez, bevor er 2010 als Choreograf debtierte. Er gilt als einer der interessantesten Nachwuchs-Choreografen der internationalen Tanzszene und machte zuletzt mit Einladungen zu wichtigen Festivals wie Impulstanz Wien und Gastspieleinladungen nach Australien und China von sich reden. Seine ambitionierte Formensprache zeichnet sich durch groe krperliche Ausdruckskraft und eine radikale Konsequenz der Mittel aus und entwickelt den Stil von international prgenden Choreografen wie Wim Vandekeybus weiter. Zwischen przisen Krperbildern und hochphysischen Bewegungsexplosionen entwickelt Mszros Arbeiten, in denen er Grundfragen menschlicher Existenz in ein tnzerisches Spiel zwischen persnlicher Grenzberschreitung und sich wiederholenden Beziehungsmustern transformiert. In Bremen wird er mit TnzerInnen der Kompanie von Samir Akika und Gsten aus Ungarn und Belgien zum ersten Mal eine neue Arbeit in Deutschland entwickeln, mit der die Tanzsparte ihr Repertoire konsequent weiterentwickelt und den Arbeiten von Unusual Symptoms eine weitere tnzerische Farbe hinzufgt.

Dauer: ca. 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Ein Requiem fr die Lebendigen
von Gregor Runge

Das Ich ist ein unstetes Gebilde. Es ist stndig in Bewegung. Das Bild, das es sich von seiner eigenen Gestalt macht, entsteht aus einem permanenten Abgleich mit den Bildern, von denen es umgeben ist. Mehr noch: Das Ich wei um die Existenz all der anderen Ichs, mit denen es sich in einem stetigen Interpretationswettstreit um das sogenannte Drauen (Sybille Berg) befindet. Zwei Menschen knnen das Gleiche sehen, und darin etwas vollkommen Anderes erfahren. Das Ich wei, dass die Pluralitt dieses Erfahrens die Welt als Kaleidoskop der in ihr gemachten Einzelbeobachtungen zeichnet, und es hat eine Ahnung davon, dass sein eigenes Wissen um diese Welt und sich selbst insofern instabil ist, als es stets mit den fremden Blicken jener kollidiert, denen es in wechselnder Konstellation begegnet. So einzigartig dabei jede dieser Begegnungen ist, so sehr ist das Ich in der Lage, sich darin vollkommen unterschiedlich zu verhalten. Es spielt und nimmt wahr. Es hlt die anderen Blicke aus, nimmt sie auf und erweitert sein eigenes Wahrnehmungsspektrum um die Informationen, auf die es darin stt. So verndert es stndig mindestens die Rnder seiner eigenen Konstruktion und ist also noch jenseits aller denkbaren pathologischen Verzerrungen jederzeit potentiellen Erschtterungen seiner Selbst ausgesetzt. Diese Form von Begegnung und Widerhall beschreibt einen grundlegenden Mechanismus der conditio humana: Sich zu anderen ins Verhltnis zu setzen, nicht aus einer narzisstischen Denkweise heraus, sondern weil nur so eine umfassende Erfahrung des Selbst mglich wird. Wir sind Sender auf der Suche nach Feedback. Und neben all den unverzichtbaren Bedrfnissen, die wir als fhlende Lebewesen empfinden, kommt der Notwendigkeit, voneinander Zeuge zu sein, eine besondere Dringlichkeit zu.

Wieweit und inwiefern wir in der Lage sind, dieser Dringlichkeit Ausdruck zu verleihen, zeigt verlsslich den Zustand unserer Gesellschaften an. Ganz unabhngig davon, wie es um deren konkrete Binnenverhltnisse bestellt ist, ist Begegnung grundstzlich nie leicht zu haben. Sie fordert heraus, weil sie ein ffnen der eigenen Bedingungen impliziert und voraussetzt, dass wir uns den Anderen auf eine Art und Weise nhern, die nicht zuerst die Verteidigung dieser Bedingungen im Sinn hat. Dahinter verbirgt sich eine Idee von Identitt als wandelbarer Konstruktion, die immer schon unpopulr ist, weil mikrosoziale und makrogesellschaftliche Systeme nun mal dazu tendieren, Rollenzuschreibungen vorzunehmen. Aus sozialpsychologischer Perspektive betrachtet sind diese Manifestationen auf eine Art gar notwendig, weil sie ihren Teil zur Stabilitt von Gruppen und gesellschaftlichen Konstruktionen beitragen. Gleichzeitig aber ist Begegnung das soziale Grundprinzip des Lebens, es muss sie stndig geben, und wenn sie ihre Funktion innerhalb einer individuellen und sozialen Evolution bestmglich wahrnehmen soll, dann muss es sie stndig von neuem und in stndig neuer Form geben. Ihre Widersacher lauten von jeher Zynismus, Paranoia und Angst, zyklische Phnomene, verlsslich wiederkehrend. Noch etwas anderes kommt hinzu: Wir leben im Zeitalter der Algorithmen, die unser Rezeptionsverhalten re-organisieren, indem sie unsere Geschmacksgewohnheiten analysieren und uns zuverlssig mehr von dem liefern, was wir zwar mgen, womit wir aber eben auch schon zur Genge vertraut sind. Was darber mglicherweise verloren geht, ist die Fhigkeit, sich eine Sache erst aneignen, sie in eine neue eigene Erfahrung bersetzen zu mssen. Nicht mit der Folge, dass am Ende ein ultimatives Verstndnis der Dinge wartet. Aber solange wir uns annhern und auseinandersetzen, befindet sich etwas in Bewegung. Diese Bewegung verleiht uns Gewissheit, am Leben zu sein und mit uns das gesellschaftliche Konstrukt, in dem wir uns befinden. Nur so lsst sich auch zu Haltungen finden, einer Meinung, von der aus bersetzungsprozesse berhaupt erst einsetzen knnen. Und solange man selbst etwas meint, spricht es automatisch zu einem Gegenber. Auch ein Publikum kann dem dann folgen.

Begegnung ist ephemer, hinterlsst aber Spuren. In NEXTtoME untersuchen sechs in Bewegung versetzte und miteinander kommunizierende Krper, wie sich diese Spuren einlagern und wieder ablsen, wie sich Formen des Zusammenfindens zum Ritual verdichten, einer einschlieenden Ordnung, die natrlich auch wieder als Abgrenzung lesbar ist, als Inszenierung einer Gegenwelt. Mt Mszros Choreografie ist eine kollektive Landschaft des Sozialen, die eine Situation des permanenten gegenseitigen Interesses herauf beschwrt und das Bedrfnis nach Nhe, Austausch und Berhrung in Tanz bersetzt. Wir sehen den AkteurInnen dabei zu, wie sie miteinander sprechen, neugierig, mal zrtlich und intim, mal gewaltttig und vulgr, immer unter dem Schutz einer gegenseitigen Verabredung, die hier die Bhne ist, ein Spiel, in dem das Verhltnis zwischen Rolle und Akteur ins Flimmern gert. So, wie wir uns auch als soziale Wesen in permanenten Spielsituationen wiederfinden. NEXTtoME meint auch: Ich, und einen Moment spter kommt das nchste Ich, und das bin ich auch. Die Bhne ist dabei der Ort, an dem wir dem Verlangen, unsere Konstruktionen von uns selbst in Bewegung zu bringen, gefahrlos nachgeben knnen. Das, was auf ihr geschieht, passiert so nur ein einziges Mal. Jede Wiederholung ist zugleich eine Variation, etwas, das jetzt vielleicht noch da ist, aber schon im nchsten Moment verloren sein wird. In NEXTtoME erscheint die Bhne im doppelten Sinne als Metapher fr die Flchtigkeit unserer Begegnungen. Zum Einen betont die Arbeit diesen Aspekt, indem sie ihn zu einem zentralen Gegenstand ihrer theatralen Auseinandersetzung macht. Zum Anderen steckt darin aber auch die leise Warnung, dass das, was hier jetzt noch mglich ist, sich nicht von selbst erhlt. Man knnte NEXTtoME auch als ein Requiem fr die Lebendigen bezeichnen, das eine bestimmte Form des notwendigen Umgangs miteinander bedroht sieht, die noch nicht verloren ist, ihren Weg von der Bhne ins Drauen aber wieder strker finden muss. Weil es ein Zeugnis unserer Unfhigkeit wre, wenn die Bhne irgendwann der einzige Ort bliebe, an dem wir uns ebenso befragen, berhren und sanft erschttern knnen, wie es den AkteurInnen in NEXTtoME mglich war und ist.

Kritik761
Mszros' Sprache auf der Bhne ist eine kraftvolle, energetische aber auch wunderbar klare, przise und bis Nchternheit minimalistische. Die elektronische Live-Musik von Sebastian Reuschel wei das zu untersttzen. Groartig, dieser Besuch aus Ungarn!
Jan Zier, taz, 27. Mai 2016

Gemeinsam mit der Company Unusual Symptoms vertraut [Mt Mszros] auf die Bild- und Erzhlkraft von kunstvoll bewegten Menschen und zeigt ihre Triebe und Antriebe in raffiniertem Demonstrations-Modus. So geriet die Premiere zu einem hoch dynamischen Ereignis.
Sven Garbade, Weser Kurier, 29. Mai 2016

Und was gbe es da alles zu erzhlen, wenn von der Eloquenz der Krper die Rede ist? Mszros untersucht zwischenmenschliche Beziehungen, bringt Gruppendynamik ins Rollen, lsst das Bedrfnis nach Synchronitt ebenso ins Straucheln geraten wie individuelle Eskapaden ausprobiert werden. Manches kollidiert. Wenn Krper also sprechen knnten, dann geraten sie hier ins Stottern, Klagen, Zetern, vielleicht sogar ins Lgen. [] Obwohl diese Bewegungsbilder eine groe Offenheit besitzen, laden sie ein tiefere, Lebenserfahrung darin zu sehen.
Sven Garbade, Weser Kurier, 29. Mai 2016

Jeder einzelne Zuschauer mag diese Bilderflut fr sich unterschiedlich interpretieren. Einigkeit bestand zur Premiere jedoch in der groen Wertschtzung, die das Publikum in herzlichen Applaus umsetzte.
Sven Garbade, Weser Kurier, 29. Mai 2016

Mszros arbeitet weniger linear als zumindest zuletzt Hauschoreograf Samir Akika. Auch wenn die Dynamiken von Begegnung und Distanz sehr konkret durchgespielt werden, ist Next to Me auf einer andere Ebene hoch abstrakt. Weil es aus dem Besonderen heraus vom Allgemeinen spricht.
Rolf Stein, Kreiszeitung, 31. Mai 2016

Dass Mszros die Autorschaft mit des Abends mit den Unusual Symptoms teilt, drfte derweil keine falsche Bescheidenheit sein. Man schaue beispielsweise (um nur einen von vielen intensiven Momenten zu erwhnen) auf das hinreiende Duett von Pilgyin Jeong und Jenna Jalonen, bei dem erst sie sich scheinbar unauflslich an ihn klettert, bis sie erschlafft und er sich ihres Krpers mit perfider Freude bemchtigt. Das ist nicht nur athletisch fordernd und virtuos umgesetzt, sondern auch pointiert formuliert.
Rolf Stein, Kreiszeitung, 31. Mai 2016

Auch die Musik hat am Gelingen betrchtlichen Anteil. Ausgehend von flchigen Sounds addiert Sebastian Reuschel, der hier seine erste Theaterarbeit vorlegt, mhlich Beats und Tne hinzu, trmt und schichtet die Sounds zu bisweilen dsteren Klanggebirgen auf. So vollendet fgt sich das mit der Arbeit der Tnzer, dass es schlielich geradezu symbiotische Qualitt annimmt, auch dann noch, wenn die Musik schweigt was natrlich auch ein Kommentar zum Thema ist.
Rolf Stein, Kreiszeitung, 31. Mai 2016

Bei NEXTtoME hlt Mszros alles in stndigem Fluss. Energien und Tempi wechseln schnell und die Krper der Tnzer und Tnzerinnen werden in den Begegnungen regelrecht zu Forschungsobjekten. Wie Atome rasen sie aufeinander zu oder stoen sich ab. Krper werden gedreht, gezogen, geschoben, getragen oder weggeklatscht. Eine scheinbare Unberechenbarkeit lsst sie mal spannungsvoll flirren, oder wie nasse Lappen ineinander zusammensinken. Den Takt, das Tempo dazu geben, besonders im ersten Teil des 70-mintigen Tanztheaterabends, die fordernden Technoklnge (Musik: Sebastian Reuschel), die manchmal auch Clubatmosphre erschaffen und dementsprechende Bewegungen herausfordern. Spter tritt die Musik leiser mit Klangcollagen in den Hintergrund.
Martina Burandt, Tanznetz, 31. Mai 2016

Die Bewegungssprache in NEXTtoME setzt sich vordergrndig aus Modern, Contact und Streetdance mit akrobatischen Einlagen zusammen. Das auffallend schne Duo von Pilgyun Jeong aus der Bremer Tanztruppe und der ungarischen Gasttnzerin Nra Horvth zeigt zudem gleichermaen exakt, wie witzig und anrhrend-zrtlich auch pantomimische Momente sein knnen. Beinahe ebenso herausragend tanzt Jeong mit der aus Helsinki stammenden Gasttnzerin Jenna Jalonen, wobei die Bewegungen hier, insbesondere bei der wirbelnden Jalonen immer wieder an die Grenzen krperlicher Mglichkeiten gehen.
Martina Burandt, Tanznetz, 31. Mai 2016


 

zur bersicht48